• Jacqueline Kolesch

Der Kuhflüsterer

Aktualisiert: 12. Juni

Seit fünf Jahren kommen wir mindestens einmal im Jahr nach Südtirol auf einen Berggasthof in der Nähe von Schenna auf ca. 1700 m.

An einem Wochenende im Mai besuchte uns Leonhard, ein Freund unserer Wirtin und Bauer zwei Ortschaften unterhalb unseres Gasthofes. Er bringt jeden Sommer seine Kühe hier hoch auf die Weide. Sie heißen Nanci, Evi, Frieda und Greti. In ein paar Tagen wird sich noch ein Kälbchen "Sonne" dazugesellen.

Wenn Leonhard seine Kühe im Frühjahr hochbringt, muss er sich immer wieder davonschleichen, damit sie sich an die neue Umgebung gewöhnen. Schließlich waren sie die letzten Monate unzertrennlich. Sogar Jack, Leonhards Hund, versteckt sich unter der Bank. Eine lustige Beobachtung.

Aber warum war dieses Mal Leonhards Besuch zu besonders?

Weil der Winter so schneearm war, es kaum regnete und im Mai so schlagartig heiß wurde, werden die Kühe von einer Armee von Stechmücken geplagt. Es kamen bereits einige Kühe zu Tode. Eine schreckliche Vorstellung für einen Bauer, der seine Kühe über alles liebt und die seinen Lebensunterhalt sichern sollen. Gegen diese Mücken hilft nur ein stinkendes Mittel. Es wird auf die Weichteile Euter und Unterbauch, also an Stellen wo die Kühe wenig Fell haben, gesprüht.

So kam es, dass ich Leonhard und Jack im Pick-Up bei der Suche nach seinen vier Kühen begleiten durfte. Nach circa 200 m steinigem Weg bergauf, haben wir bereits Nanci und Evi entdeckt. Bisher bin ich diese Strecke nur gewandert, ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Weg auch einmal befahre. Leonhard hat sich mit seiner Sprühflasche bewaffnet und langsam an Nanci und Evi angepirscht. Sehr gelassen, langsam, und behutsam sprach Leonhard erst mit Nanci dann mit Evi während er sie besprühte, sodass ich ihn fortan den Kuhflüsterer nannte. Über Stock und Stein fuhren wir weiter. Diesen Weg könnte man auf keinen Fall mit einem normalen Auto befahren. Ich löcherte Leonhard mit Fragen, wie.z.B. ob man in Südtirol Schellen oder Glocken sagt. Das erstere. Oder wie alt Kühe werden, ab wann sie Milch geben, ob er sie auch schlachtet, usw. Kühe werden ca. 12-15 Jahre alt, ab 3 Jahren geben sie Milch und Leonhard könnte niemals seine eigenen Kühe essen. Er wird sie verkaufen, sobald sie Milch geben.

Wir haben noch andere Kühe gesehen und weiter oben endlich Frieda und Greta. Leonhard hat sie an ihrer Schellen-Musik erkannt. Wir sind ein wenig die Weide heruntergelaufen und hatten leider nicht die Sprühflasche dabei. Mit Leonhards Zauberwort, das ich nun bedauerlicherweise nicht mehr weiß, kamen die zwei recht schnell dahergelaufen. Es sind außerdem Graukühe. Sie haben ein so süßes Gesicht. Ich habe sie ständig am Kopf gestreichelt. Beim Anblick dieser beiden süßen Wesen kann man nur Vegetarier werden. Sie sind so zahm, strahlen eine übertragbare Ruhe aus und genießen sogar die Streicheleinheiten. Nach einer kleinen Pause an einer frisch gefertigten Tränke, bekamen beide zur Ablenkung Futter, sodass Leonhard sie in Ruhe besprühen konnte.

Unsere Fahrt ging jetzt langsam zurück zum Gasthof. An einem kleinen Bach hielten wir an und kühlten zwei Bierflaschen, prüften zwei Quellen und ein Wasserrad, welches wegen eines größeren Steins nicht funktionierte. Das Problem war schnell zu beheben. Es kam eine Familie mit ihren Kühen vorbei. Natürlich kannte sie Leonhard und unterhielt sich mit ihm. Ich verstand kein Wort dieses Dialekts aus dem Passeiertal. In der kurzen Zeit wurde das Bier kalt und wir konnten es trinken und ich die Fragestunde fortsetzen. Leonhard erzählte von seinem Alltag, der echt hart ist, den er aber liebt. Für ihn käme nichts anderes infrage. Sein Tag fängt morgens um 4:00 Uhr an. Er fährt zuerst Milch aus und sammelt im Anschluss Milch bei Bauern ein. Das ganze dauert circa bis 14:00 Uhr. Danach muss er sich um seinen Bauernhof kümmern, um die Weideflächen, den Stall, die Hühner, die Schafe, 2 Ponys Emmy und Harald, 2 Katzen und sein Hund Jack. Jack ist klasse. Er begleitet uns die gesamte Strecke vor oder hinter dem Auto. Er folgt aufs Wort und ist ein sehr treuer Geselle.

Evi und Nanci bleiben immer zusammen, sie sind unzertrennlich. Auch am nächsten Tag sehe ich die beiden nochmals zusammen und halte ein Pläuschchen mit ihnen. Sie sind mir in dieser kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen. Von Weitem höre ich immer wieder Schellen, doch sicher dauert es noch seine Zeit bis ich sie auseinanderhalten kann. Dafür muss ich noch viele Male hierherkommen. Hätte ich Zeit, würde ich gerne für ein paar Wochen auf Leonhards Hof mithelfen. Wer weiß, vielleicht ist es ja eines Tages möglich. Ich freue mich auf alle Fälle schon auf August, wenn wir wieder hierherkommen.


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