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  • Jacqueline Kolesch

Buen Camino - 5. Woche

Aktualisiert: 21. Dez 2020

Tag 29, 25. Oktober 2020 von Triacastela nach Sarria - 20,39 km, 4:12 h

Wie hätte es anders sein können: Start im Nieselregen. Unterwegs kam mal wieder keine Bar oder sonstiges. Dafür nach ca. 2 Stunden eine Oase wie ich sie so sehr mochte. Hinter Mauern befand sich ein Rastplatz mit Meditationsecke, Hängematten, Sitzecken, Sofas, Gitarre und einem Labyrinth im Garten. Zum Frühstück auf Spendenbasis nahm ich mir ein frisches Brot mit Olivenöl, Tomate, Ei und Salz. Herrlich. Das übliche süße Frühstück am Morgen war nicht meins. Schade, dass sonst hier niemand pausierte.

Nachdem ich weiterlief überfiel mich der stärkste Regen aller Zeiten. Ich wurde plitsch platsch nass und fluchte vor mich hin weil mir der Wind ständig meine Regenjackenmütze vom Kopf pusten wollte. Dann überholten mich aus dem Nichts zwei Jogger. Wer geht bei so einem Wetter freiwillig zum Laufen?

Aus Starkregen wurde Nieselregen. In Sarria gab es zur Abwechslung mal eine Pizza. Na ja, Spanier sollte besser bei Ihrer Paella bleiben.

Ich plante für den nächsten Tag einen zeitigen Start denn das Pensionsloch war zu beengend.

Bildliche Eindrücke gab es wegen Starkregen nur wenige.


Tag 30, 26. Oktober 2020 von Sarria nach Portomarin - 20,39 km, 4:12h

Wenn Du zu Fuß die letzten 100 Kilometer auf dem Jakobsweg von Sarria nach Santiago de Compostela pilgerst, erfüllst Du die geforderte Distanz, um Dir am Ende deiner Pilgerreise eine Pilgerurkunde als Zeugnis ausstellen zu lassen. Hier gilt entweder 100 km zu Fuß, zu Pferd oder 200 km mit dem Fahrrad.

Deshalb starteten in Sarria sichtbar mehr Pilger. Gleich morgens war reges Treiben in den Gassen und die Cafés waren gut besucht. Nun sollte ich mir auch zweimal täglich in einer Bar und abends in der Herberge einen Stempel für den Pilgerausweis geben lassen. In der Vergangenheit gab es viele, die mit Taxi oder Bus unterwegs schummelten.

Endlich kein Regen mehr, herrlich frische, saubere Luft, eine sehr schöne und grüne Landschaft, viele kleine Dörfer und mehrmals reges Rindertreiben. Weiterhin lief ich durch Kastanienwälder, vorbei an typisch galicischen Getreidespeichern und Rosenkohl , der bis zu 2 Meter hoch wuchs.

Später passierte ich den 100 km Stein. Santiago rückt nun schneller näher als mir lieb ist. Gerne hätte ich die Zeit angehalten.

In Portomarin waren wir zu sechst in einer neuen Herberge mit großer Wohnküche. Michael kochte uns leckere Pastasciutta. Beim Check-In gab es bunte Stempelkissen für einen Fingerabdruck im Pilgerausweis. Eine nette Idee.



Tag 31, 27. Oktober 2020 von Portomarin nach Palau de Reiter - 24,43 km, 5:00 h

Es war ein bißchen schade diese Unterkunft verlassen zu müssen. Hier hätte man gut einen Erholungstag einlegen können.

Ich kam an einem Pilgerfriedhof vorbei und fragte mich wie bitter es wäre auf dieser Reise zu sterben. Oder war es für manche ein Segen? Das liegt wohl in jedem Einzelnen verborgen, so sehr unterschiedlich die Gründe für diese Reise sind. Ich möchte auf alle Fälle den Weg nicht mehr missen. Es war auch sicher nicht der letzte.

Nachmittags kam ich in einer mal etwas anderen Unterkunft an. Jeder hatte in einer Kajüte seine Privatsphäre. Sie erinnerten mich an japanische Schlafboxen. Die Etage war dieses Mal bis auf das letzte Bett belegt. Zum Glück konnte man seinen privaten Vorhang schließen.

Das Abendessen versprach lokale Genüsse wie Pulpo und Pimentos.

Tag 32, 28. Oktober 2020 von Palas del Rei nach Arzúa - 27,77 km, 5:41 h

In meiner privaten Schlafkajüte schlief ich super. Ich startete energiegeladen. Nach dem Ortseingang begegnete ich zwei 100 km Pilgerinnen, die mich fragten wo ich startete. Als ich St. Jean Pied de Port sagte und bestätigte, dass ich alleine lief bekam ich klatschenden Beifall. Ich freute mich wie eine Schneekönigin. Das war auch der Camino. Fremde Menschen äußerten und zeigten Mitfreude. Hier herrschte weder Neid oder Konkurrenzkampf noch Egoismus.

Die Etappe war grün, abwechslungsreich und wettermäßig durchwachsen. Immerhin kein dauerhafter Regen. Sonne kitzelte teilweise auf meiner Nase, Vogelgezwitscher erfreute mein Gehör und ich fühlte mich wie im Frühling. Musik war somit überflüssig. Seit gestern lief ich häufig durch riesige Eukalyptuswälder. Nur Koalas sah ich nicht :-).

Mittagspause war in Melide, der Pulpostadt.

Die Herberge in Arzúa war wieder neu, schön und vor allem sauber. Ich hatte meinen kleinen abgetrennten Schlafbereich. Die Stockbetten waren wegen Corona sowieso nur unten belegt. Ich dachte immer wieder, dass ich die beste Zeit gewählt hatte. Dafür gab es zwei wichtige Gründe: Corona bedingt waren weniger Pilgern unterwegs und im Sommer wäre es viel zu heiß.

Tag 33, 29. Oktober 2020 von Arzúa nach O Pino - 20,70 km, 4:10 h

Blauer Himmel und Kaiserwetter wurde begleitet von Wehmut und Traurigkeit. Mit der Sonne im Rücken und dem Vogelgezwitscher im Ohr starte ich in meinen vorletzten Wandertag. Es sind nur noch zwei Etappen mit ca. je 20 km. Ich wäre gerne eine Schnecke gewesen um das Ankommen zu entschleunigen.

Die Vegetation änderte sich. Meine vielgeliebten Hortensien wuchsen in allen Farben und Größen am Wegesrand. Neben den hier üblichen Eukalyptusbäumen gesellten sich nun Palmen und Kakteen dem Landschaftsbild hinzu.

In der ganzen Zeit hier, aß ich zum ersten Mal Reis. Es war ein Restaurant mit eigenem Gemüseanbau, so daß ich zum Reis Ratatouille wählte. Unglaublich wie sich der Gaumen über Abwechslung freute. Nach 5 Wochen sah ich auch zum ersten Mal ein Flugzeug am Himmel. Wie ungewohnt.

Kurz vor O Pino überholte mich ein Auto mit Anhänger voller Hunde. Ob es wohl wilde Hunde waren, die man einsammelte. Kurz danach kam ich einer großen Halle näher. Komische Geräusche waren zu hören. Ich dachte es sind die Hunde die Ihrem Ende näher kommen, bis ich bemerkte, dass es eine Sporthalle war, in der Kinder Sportunterricht hatten.

Nachts schlief ich eigentlich gar nicht. Kein Wunder, es war die letzte Nacht auf dem Camino vor Ankunft in Santiago de Compostela.


Tag 34, 30. Oktober 2020 von O Pino nach Santiago de Compostela - 20,71km, 6:19h

Der letzte Tag. Santiago war zum Greifen nah. Ich ging bewußt sehr langsam. Ich wollte einfach nicht ankommen. Dann wäre es ja zu Ende. Wobei man sagte, dass der Camino in einem nacharbeitet.

Ich hatte zum Abschied einen wunderschönen Sonnenaufgang. Farben wie gelb, orange , rosa waren im Hintergrund einiger Mitpilger. Ich hatte das schönste Wetter für die Ankunft in Santiago. Blauer Himmel und Sonnenschein. Beim Monte do Gozo (Freudenberg) sah ich zum ersten Mal die Kathedrale. Der Monte do Gozo wird im Jakobsbuch als Mons Gaudii und Ort großer emotionaler Ergriffenheit unter den Pilgern beschrieben. Wer hier als erster einer Pilgergruppe ankam, wurde von seinen Gefährten zum Pilgerkönig ernannt, ein Umstand, der sich auch auf deutsche Familiennamen auswirkte (zum Beispiel in den Formen König, Küng, Künig). Von hier ab gingen die Pilger früher barhäuptig und barfuß, Pferde wurden am Zügel geführt.

Es ging nun bergab und ziemlich zäh bis und durch die Stadt bis zur Kathedrale. Die Spannung stieg. Je näher ich kam desto enger wurden die Gassen. Die Musik eines Straßenmusikanten mit seiner Gaità wurde immer lauter und ließ das Ziel erahnen. Es ging weiter hinunter bis ich plötzlich auf diesem großen Platz stand und zum ersten Mal die Kathedrale direkt live vor mir sah. Ich dachte eigentlich dass ich meine Tränen nicht zurückhalten kann. Ich genoß den Anblick und legte mich mitten auf den Platz und war in diesem Moment einfach nur dankbar. Ein Teil der Kathedrale war immer noch immer verhüllt. Nächstes Jahr ist das Heilige Jahr, da sollte die Renovierung abgeschlossen sein. Ich mochte mir nicht vorstellen wieviele Menschen hier dann einströmen.

Ich wollte dann auch die Kathedrale von innen sehen. Ich war dort fast alleine. Ein Wahnsinn. Normalerweise stehen sie hier überall Schlange. Die Kathedrale ist im Vergleich zu anderen sehr schlicht.

Im Anschluß ging ich ins Pilgerbüro. Corona bedingt wurde man dort an der Tür ziemlich unfreundlich "abgefertigt". Ich bekam zwei Urkunden. Eine offizielle mit meinem lateinischen Namen und die andere mit den Fakten wie Kilometeranzahl, Startort mit Datum und Ankunftsdatum.

Die Pilgermesse in Spanisch und Englisch war um 18:30 Uhr. Wir waren nur fünf Pilger. Bei der Messe wurden wir namentlich erwähnt. Ich musste weinen. Nun war alles so ergreifend und reell. Dankbarkeit, Stolz, Glück, Trauer - alles kam über mich. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Doch nun ist es ganz tief in meinem Herzen begraben. Dort hüte ich es wie einen Schatz.

Abends durften wir wegen Corona nur draußen essen und nicht mit mehr als 5 Personen zusammensitzen. Um 22 Uhr war Sperrstunde. Somit keine Chance richtig zu feiern. Irgendwie war mir auch gar nicht danach.

Ich berichte Euch auch noch über die paar folgenden Tage in Santiago und dann in Porto.




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