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  • Jacqueline Kolesch

Buen Camino - 4. Woche

Aktualisiert: März 13

Tag 22, 18. Oktober von León nach Hospital de Órbigo - 32,05 km, 6:18 h

Wenn es in der Unterkunft keine Bar gab steuerte ich das nächste offene Café an. Wieder lief ich über eine Stunde durch Wohn- oder Industriegebiete bis ich die Stadt hinter mir ließ. Danach verlief die Strecke für 23 km auf Asphalt oder Schatterpiste neben einer Landstraße. Wie ätzend. Wenn wenigstens die Strecke etwas abwechslungsreicher gewesen wäre. Ich hatte keine Lust mehr und fragte mich nach dem Sinn. Beinahe hätte mein innerer Schweinehund mich besiegt. Rettung war eine lange Mittagspause mit Pilgermenü (Thunfischsalat, Cordon bleu mit Pommes :-), Eis) und für die Reststrecke Musik im Ohr. Abends als ich in Hospital de Órbigo ankam war ich stolz und dankbar durchgehalten zu haben. Das wiederum stärkte mich für den nächsten Tag. Weiter dachte ich nicht.


Tag 23, 19. Oktober 2020 von Hospital de Órbigo nach Astorga - 16,16 km, 3:12 km

Im Sonnenaufgang ging ich über die alte Steinbrücke in Richtung Astorga. Vorbei an Mais- und Paprikafelder. Im nächsten Ort war ein Hospitalero, der Tee, Kaffee und Kekse oder Zwieback mit Marmelade verschenkte. An allen Wänden hingen Fotos von und mit Pilgern, Erinnerungsstücken, Zeitungsartikel oder Postkarten aus vielen Ecken der Welt. Nach dem nächsten Ort wurde die Landschaft sehr reizvoll und abwechslungsreich. Vorbei an Kühen, Melonen, umgeben von grüner Vegetation auf roter Erde. Dann auf einer Ebene kam ein besonders schöner Ort zum Verweilen. Ein Aussteiger hatte hier sein kleines Paradies für sich und Pilger geschaffen. Eine Gitarre im Eck, indische Kuschelecken, eine einladende Hängematte, eine Verpflegungsstation mit Kaffee, Tee, Milch, Eier, Bananen, Brot, Zwieback, Orangen zum Pressen, Kekse und vieles mehr. Alles auf Spendenbasis. Ich nahm die Hängematte in Beschlag, hatte eine Katze zu Besuch und bekam von Jordi ein Gitarrensolo als Geschenk. Ich hätte hier ewig verweilen können.

Solche kleine Oasen waren ein Geschenk. Jordi begegnete mir außerdem bereits in Sahagún. An seinem Rucksack hing ein Zettel mit "Masaje". Er bot auf Spendenbasis den Pilgern Massagen an.

Als ich mit Musik im Ohr weiterging stellte ich mir die Frage wie ich nach meiner Rückkehr zuhause leben, arbeiten, reisen, konsumieren möchte. Immer wieder stellte ich mir diese Fragen.

Astorga war schon von der Ferne zu sehen. Dieser kleine Ort hatte eine unglaublich große Kathedrale und ein Gaudí Museum, das ich später besuchte.

Die Glorreichen Sieben sind komplett. Mittlerweile treffen wir uns fast jeden Abend in der gleichen Herberge.



Tag 24, 20. Oktober 2020 von Astorga nach Foncebadón - 23,34 km, 4:51 h

In der Dunkelheit lief ich im Nieselregen los. Bei der ersten Kaffeepause äußerte die Barbesitzerin Ihre Existenzangst. Sie bat uns auch am Tisch unsere Masken zu tragen. Neben den Pilgereinnahmen hat sie keine Einkünfte. Hoffentlich müssen die Herbergen nicht wieder schließen.

Zuhause fragte man mich was der Weg eigentlich so besonders macht? Es sind die Zeiten lange alleine zu laufen, mit sich zu sein, wenige Entscheidungen treffen zu müssen. Das Gefühl von Freiheit, mit wenigen Dingen glücklich zu sein, nur den Rucksack als Balast zu tragen. Und auch die interessante Gespräche mit anderen Pilgern.

Die Etappe war landschaftlich sehr schön, das Wetter jedoch naß, kalt und windig.

Die Unterbringung war heute wieder auf Spendenbasis. Nur ein Ofen trocknete unsere nasse Kleidung, Heizung gab es keine. Dennoch war es ein schönes Gefühl in einer ehemaligen Kirche zu schlafen.


Tag 25, 21. Oktober 2020 von Foncebadón nach Ponferrada - 23,34 km, 4:51 h

Das Wetter besserte sich nicht.

Nach einem leichten Ansteig kam nach ca. 3 km bereits das Cruz del Fierro. Mit 1500 m ü N ist es der höchste Punkt auf dem Camino. Hier legte ich meinen von zuhause mitgebrachten Stein als Symbol der auf dem Weg hinter mich gelassenenSünden“ nieder. Viele Pilger nutzten das Cruz de Ferro auch, um am Baumstamm des Kreuzes persönliche Dinge, Briefe oder gar Votivgaben anzubringen.Das Gebet des Cruz de Ferro lautet: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein.“

Trotz schlechtem Wetter genoß ich die heutige Etappe. Sie verlief meist auf kleinen Pfaden über die Berge der Region. Im Vergleich zu sonst stolperte ich ungewöhnlich oft. Für jede Sünde in meinem Leben? Fotomotive gab es unendlich viele. Am Wegesrand lagen viele bemalte Steine oder Schilder mit Botschaften wie "Have a nice life". Der Geruch des Landes erinnerte mich an meine Jugendreise nach Spanien. Dankbarkeit und Glück kamen über mich.

Ich liebte das Laufen heute ganz besonders, war kraftvoll und hatte das Gefühl bis ans Ende der Welt laufen zu können. Es kam aber auch Wehmut auf weil ich schon in 8 Tagen in Santiago de Compostela ankommen werde.

Abends gab es zur Abwechslung Thai-Essen. Die Nacht verbrachte ich wieder in einer Donativo Herberge. Unsere kleine Gruppe hatte sich um 2 Personen erweitert

Tag 26, 22. Oktober 2020 von Ponferrada nach Villafranca del Bierzo - 24,28 km, 4:54 h

Im Dunkeln gestartet und tatsächlich irgendwo falsch abgebogen. Um nicht umzukehren wählte ich eine lange, stark befahrene Ausfahrtsstraße, an der ich entlang lief. Dafür war sie etwas kürzer. Außerdem nutzte ich immer die Buen Camino App mit der ich live die Strecke und die offenen Herbergen checken konnte. Stimmte darin etwas nicht, schaute ich in www.gronze.com. Die ersten 10 km ging es langweilig durch Vororte bis ich zum Weinanbaugebiet Bierzo kam. Es war Ernte und die Reben trugen schöne bunte Kleider in rot, gelb, orange. Der Herbst zog auch hier in seiner vollen Pracht ein. Die Berge, die zur Königsetappe nach O'Cebreiro führten, rückten immer näher.

Ich hatte das Gefühl dass meine Füße nun platt gelaufen sind. Sie schmerzten. Mir war überhaupt nicht nach Schlafsaal und Schnarchen oder anderen Geräuschen.



Tag 27, 23. Oktober von Villafranca del Bierzo nach La Laguna de Castilla - 26,7 km, 5:34 h

Die Königsetappe in Richtung O'Cebreiro begann. Ich übernachte jedoch ein paar km vorher. Der Aufstieg verlief steil, eigentlich vergleichbar wie zuhause in den Alpen. Anschließend führte der Weg durch bunte, herbstliche Farne und Kastanienwälder wo die Ernte begann. Ich hätte auch die kürzere Route, direkt an der Straße wählen können, doch mir war die Bergetappe lieber. Viel abwechslungsreicher und reizvoller. Es ging dann ohnehin noch direkt an einer Landstraße entlang bevor es zum Schluss sehr steil und steinig nach La Laguna de Castilla ging.

Ich freute mich über meine wiederbelebte Reiselust und musste an eine Mitpilgerin, Marie Francoise denken, wie sie mit ihren 80 Jahren den Camino bewältigte. Hut ab, eine Inspiration!

Die Temperatur lag mittlerweile bei ca. 13 Grad und dennoch tanzten die lästigen Fliegen wieder auf meiner Nase herum. Ich verstand sie mittlerweile als Geduldsprobe.

In meiner Unterkunft musste ich unbedingt meine Wäsche waschen und ging in Leggings und Softshelljacke zum Essen. Abends wurde es mittlerweile ganz schön kalt.

Ich schlief tief und fest. Herrlich!



Tag 28. 24. Oktober 2020 von La Laguna de Camino nach Triacastela - 21,95 km, 4:16h

Einen Hund hätte ich heute nicht vor die Tür gesetzt. Ekliges Wetter. Naß, kalt, windig und teilweise stürmisch. Für Galizien, das grüne Land war das Wetter nicht untypisch. Hier hat es jährlich ca. 145 Regentage. Das war ein Tag, da verging einem die Lust am Laufen. Nun kam ich also in der westlichsten autonomen Gemeinschaft Spaniens an. Erneut kam Wehmut auf.

In O'Cebreiro (1300 m ü N) , ein schönes kleines Steindorf, gab es erst einmal Tortilla und Café con Leche zum Frühstück. Hier hätte ich gerne einen Tag bei schönem Wetter verbracht.

Meine Gedanken und Laune passten sich dem Wetter an. In Europa nahmen die Coronazahlen wieder zu. Jede noch so kleine Bar hatte einen Fernseher, so bekamen wir die Entwicklung mit.

Das Essen bestand mal wieder aus Chips und Schokolade. Ab und zu musste das einfach sein.


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