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  • Jacqueline Kolesch

Buen Camino - 3. Woche

Aktualisiert: 10. Dez 2020

Tag 15: 11. Oktober 2020 von Burgos nach Hontanas, 31,65 km, 6:35h

Endlich durfte ich wieder wandern. Die Bewohner von Burgos schliefen noch als ich losmarschierte. Blauer Himmel, Sonnenschein - ein schöner Tag. Es dauerte eine Weile bis ich die Stadt hinter mir ließ und mehrmals eine Autobahn über- oder unterquerte. Bei der ersten Pause gab es in der Herberge La Fuente eine kleine gratis Pilgersuppe. Dort hinterließen Pilger internationale Geldnoten und Zettelchen mit Botschaften, Wünschen oder Grüßen an einer Wand.

Nach Rabé de las Calzadas ging es in die "Meseta". Das kastilische Hochland mit 200.000 km² versprach endlose Aussichten und flache Etappen. Ich hörte andere sagen "Man liebt oder hasst sie". Ich sah für eine gefühlte Ewigkeit kein Ende des Weges. Heiß und schattenlos war es. Ich hörte zur Ablenkung Musik und mein letzter Proviant, eine Banane, tröstete mich über die Absagen einiger Herbergen hinweg. Ich sah mich schon auf dem Camino schlafen bis mir ein Mitpilger telefonisch mitteilte, dass er eine offene Herberge gefunden hat.

Ich kam fast auf allen Vieren an. Aber sehr dankbar und glücklich nach 46467 Schritten. Diese Etappe forderte einiges von mir und wühlte mich mental sehr auf. Ich tanzte vor Glück, ich weinte über Vergangenes.

Bevor man sich auf den Weg macht, liest man viel über den Camino und dass er viel mit einem macht. Nun war er also da, der erste Tag dieser Art.

Tag 16, 12. Oktober 2020: Von Hontanas nach Boadilla del Camino - 27,04km, 5:03 h

Ich hätte nicht gedacht, dass ich heute weiterlaufen kann. Doch ich und meine Füße haben sich über Nacht regeneriert.

Die ersten km gestalteten sich auf einem Pfad bis zu einer Klosterruine so wie ich es mag. Später verlief der Weg wieder fast nur schattenlos schnurstracks geradeaus. Unerwartet lief es heute aber super und ich lerne die Meseta mit Ihrer Härte lieben. Rundherum nur Weite, eine Vielfalt an Brauntönen und ab und zu ein Bauer der seine Felder bestellte. Blaue, gelbe und weiße Schmetterlinge tanzten vor mir her als wollte sie mich motivieren. Das übernahm bereits meine fetzige Musik im Ohr.


Tag 17, 13. Oktober 2020 von Boadilla del Camino nach Carrión de los Condes - 25,12 km, 4:41h

Ich habe total bescheiden geschlafen obwohl die Unterkunft einen großzügigen Schlafsaal hatte, in welchem wir nur zu fünft schliefen. Vielleicht lag es an dem schnarchenden Franzosen, der schon früh morgens Krach machte oder an den schlechten Energie durch die spätgotische Gerichtssäule auf dem Kirchplatz neben der Herberge. Schließlich war ein solcher Gerichtspfeiler in Kastilien Symbol richterlicher Gewalt sowie Gerichts- und Vollstreckungsort. Die Verurteilten wurden zum Ausführen der gefällten Urteile an die Säule gebunden.

Mit der Sonne im Rücken marschierte ich zu Beginn an einem Kanal und später eintönig auf dem Pilgerhighway an einer Landstraße entlang. Auf dieser geraden Strecke lief ich wie ferngesteuert, die Gedanken kamen und gingen.

In Carrión de los Condes wimmelte es von vielen bekannten Pilgergesichter aus Spanien, Frankreich, England, Schweden, Russland und Deutschland. Wir gingen abends gemeinsam (15) in ein empfohlenes Restaurant um neben den üblichen Pilgermenüs traditionelle Gerichte zu genießen. Das Restaurant war eine sehr gute Wahl. Hier gab es bereits Pulpo, den ich noch oft in Galizien auf der Speisekarte sah.


Tag 18, 14. Oktober 2020: Von Carrión de los Condes nach Ledigos - 22,84 km, 4:24 h

Die schönste Zeit des Tages war für mich der Morgen. Wenn ich noch in der Dunkelheit aufwachte, in meine Wanderschuhe stieg und mit dem Sonnenaufgang meinen Camino beging. Ich liebte die kühle Morgenluft, das schöne Licht und das Vögelgezwitscher, das so anders klang.

17 km von der Tagesetappe ging es heute nur flach geradeaus, kein Ort, kein Café, nichts. Die Meseta zeigte sich von ihrer besten Seite. Ich fand es gar nicht so schlimm, da mich entweder ein Podcast oder Meditations- und fetzige Partymusik auf abwechslungsreiche Gedanken brachten. Meinen Salat mit Baguette aß ich unterwegs am Wegesrand.

In der Herberge wusch ich mein Shirt und Höschen notdürftig per Hand, da die Waschmaschine belegt war. Es war sonst generell überhaupt kein Problem seine Wäsche zu waschen. Entweder konnte man sie beim Hospitalero abgeben, in einem Münzautomaten waschen und trocknen oder per Hand schrubben. Dafür gab es oft vorgesehene Plätze.

Beim Verteilen der Betten gesellte sich der schnarchende Franzose wieder hinzu. Nun war es eh fast schon normal, dass abends immer die gleichen Pilger zusammen kamen. Entweder war es die einzige, offene Herberge im Ort oder das Etappenziel war identisch.

Tag 19, 15. Oktober 2020 von Ledigos nach Sahagún - 15,65 km, 3:05 h

Heute lief ich nur bis Sahagún. Fast ein Spaziergang. Ich nahm mir viel Zeit, genoß es zu fotografieren und dachte mal wieder über meine berufliche Zukunft nach. Keine Ahnung wo es hingehen soll. Was auch immer es sein wird, sagte ich mir: ADVAQ - Ardua deturbans vis animosa quatit = Die Stärke des Mutes zerschlägt sämtliche Schwierigkeiten.

Sahagún war eine schöne, bunte Stadt. In der dort restaurierten Kirche holte ich mir meinen "halfway" Stempel. Habe ich wirklich schon die Hälfte des Wegen hinter mir? Ich übernachtete heute in einem Benediktinerkloster mit zwei herzlichen Brüdern. Abends fand für uns eine kleine, sehr individuelle Pilgermesse statt. Danach kochten wir in der kleinen Küche Pasta. Endlich mal wieder anderes Essen. Die Zimmer waren sehr kalt und als wir fragten ob sie nicht die Heizung bei 9 Grad anmachen könnten, bekamen wir zu Antwort "Es ist doch nicht Winter". Bei einem Übernachtungspreis von 5€ plus persönlicher Spende durfte man aber auch wirklich nichts erwarten. Trotz Zwiebellook in meinem Schlafsack fror ich dennoch.


Tag 20, 16. Oktober 2020 von Sahagún nach Mansilla de las Mulas 35,3 km, 7:07 h

Bei 2 Grad startete ich heute in meinen Wandertag. Einige Kilometer nach Sahagún kam dann tatsächlich die richtige Hälfte des Weges, ein zu passierendes Stahltor.

Als ich meine Mailbox checkte, stellte ich fest, dass ich viele der Mails wie z.B. Newsletter eh nie las und meistens gleich löschte. So entschloß ich mich alle abzumelden. Diese kleine Änderung fühlte sich befreiend an.

In El Burgo Ranero wollte ich nach 19,04 km pausieren, doch der Ort war weder schön, noch gab es eine vernünftige Unterkunft. Ich war total unzufrieden, genervt und auch kaputt. Zudem war weit und breit niemand zu sehen. Ich machte eine lange Pause und aß zum ersten Mal auch mittags ein Pilgermenü. So kam es, dass ich mich selbst motivierte bis nach Mansilla de las Mulas weiterzugehen. Zum einen war es der letzte Ort vor Léon und zweitens waren dort viele bekannte Pilger. Ich hatte eh den Wunsch einmal auf dem Jakobsweg, am besten in der Meseta, in die Nacht hineinzulaufen. Um 17 Uhr ging es für die restlichen 17,9 km weiter. In der Dämmerung pausierte ich kurz in einer skurrilen Bar, die mich irgendwie an den Film "From Dusk till Dawn" von Tarantino erinnerte.

Es war genial ohne Stirnlampe in der Nacht zu laufen. Die Augen gewöhnten sich recht schnell an die Dunkelheit, zudem war der steinige Weg hell. Kurz vor 22 Uhr kam ich in der Herberge an. 5 Minuten später und sie wäre geschlossen gewesen. Da gab es kein Pardon.


Tag 21, 17. Oktober 2020 von Mansilla de las Mulas nach León - 17,4 k, 3:24h

Gestern um 22:30 Uhr ins Stockbett und heute um 8 Uhr wieder auf den Beinen. Die meisten Pilger nahmen Corona bedingt den Pilgerbus um León herum, da man León weder passieren noch dort nächtigen durfte. Ein Mitpilger erzählte, dass er keine Kontrollen erlebte. So tat ich mal wieder etwas Verbotenes und unternahm ein kleines spannendes Abenteuer. Wir waren zu dritt als wir langsam León näher kamen. Polizisten standen am Straßenrand, doch sie interessierten sich für Autofahrer. Der heutige Weg war fad und ging lange durch die Vororte und Industriegebiete von León. Dafür war die Innenstadt mit ihrer Kathedrale sehr schön. Wir kamen problemlos und ohne Kontrollen in der schlafenden Stadt an. In der Herberge "Globetrotter" waren wir alleine und durften in Schlafkabinen schlafen. Hippe Unterkunft.

Ich besuchte die Kathedrale, die zwar auch schön war, dennoch nicht mit Burgos mithalten konnte.

Abends nach Dunkelheit wurde die Stadt lebendig, die Cafés stuhlten draußen auf, Heizpilze wärmten die umherstehenden Einheimischen. Touristen waren nicht zu sehen. Passiert ist nichts, kontrolliert wurden wir auch nicht. Ich wollte auf meinem Camino partout nicht in einen Bus einsteigen. Ich war happy die richtige Entscheidung getroffen zu haben.



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