Suche
  • Jacqueline Kolesch

Buen Camino - 1. Woche

Aktualisiert: vor einem Tag

1999 veröffentlichte Hape Kerkeling sein Buch "Ich bin dann mal weg". Das erweiterte meine Bucketlist. Dann endlich am 27. September 2020, im Coronajahr und kurz vor dem zweiten Lockdown startete ich in St. Jean Pied de Port meinen Weg nach Santiago de Compostela. 803 km in 33 Tagen inkl. einem Ruhetag in Burgos. Dieser Weg ist der Klassiker unter den vielen Jakobswegen, der sogenannte Camino Frances.


Anreise am 26.09.2020 von Biberach/Riß nach St. Jean Pied de Port:

Mit dem Zug ging es von Biberach/Riß über Stuttgart, Paris, Bayonne nach Saint Jean Pied de Port. 14 Stunden inkl. Bahnhofswechsel in Paris. Meine Unterkunft hieß "La Vita e bella". Ein schöner Name für die erste Herberge. Die italienische Besitzerin Patrizia war einst selbst Pilgerin.


Tag 1: 27.09.2020 von Saint Jean Pied de Port nach Orisson - 7,25 km, 1:46 h

Erste kleine Etappe zum Einlaufen war vollbracht. Schöne, neue Herberge mit leckerem, baskischen Essen. Der Rücken meldete sich vom 8,8 kg schweren Rucksack.


Tag 2: 28.09.2020 von Orisson nach Rocesvalles - 18,8 km, 4:30 h

Es ging weiter über die Pyrenäen. Unterwegs sah ich nur einen Schäfer mit seiner Herde, wilde Pferde, 1 Baske mit seinem Verpflegungswagen und vier Pilger (eine Französin und drei Spanier). Mein Weg brachte mich in das Kloster Roncesvalles mit neu renovierten Schlafsälen. Abends besuchte ich die erste Pilgermesse.

Tag 3: 29.09.2020 von Roncesvalles nach Larrasoaña, 25,08 km, 5,37 h

Morgens um 7 Uhr wurden wir mit klassischer Musik geweckt. Bis spätestens 8 Uhr muss man die Herbergen verlassen. Ambitionierte Pilger starten auch mal um 4 Uhr. Dafür sind u.a. die Oropax so wertvoll. Beim Ortsausgang das Schild "Santiago de Compostela 790 km". Die Zahl ignorierte ich und ging Schritt für Schritt los. Eine sehr schöne abwechslungsreiche hügelige Strecke durch Wälder und Täler. Eigentlich wollte ich in Zubiri übernachten, doch meine Füße trugen mich bis Larrasoaña. Trotz leckerer Feigen unterwegs, freute ich mich auf das Pilgermenü am Abend.



Tag 4: 30. September 2020 - von Larrasoaña nach Uterga 26,32 km, 5:48h

Nach zwei Café con Leche aus einem Automaten startete ich in Richtung Uterga. Ich wollte Pamplona komplett durchqueren und auch den Alto del Perdón mit der eisernen Skulptur eines Pilgerzugs bezwingen. Ein sehr anstrengender, zäher, heißer Tag und oft auf schattenlosen Wegen. Der Abstieg auf großen Steinen nach Uterga war sehr holperig. Ich war so froh als ich endlich für ein eisgekühltes Bier ankam.


Tag 5: 1. Oktober 2020, von Uterga nach Estella, 25,81 km, 5:40h

Bin wieder im Dunkeln aufgestanden. Nach einem Frühstück mit den anderen Pilgern aus Spanien und Frankreich war es mir sehr wichtig alleine zu starten. Man ist nicht jeden Morgen gleich drauf und schon gar nicht gesprächig. Doch sind es nicht die Begegnungen, Geschichten, Erfahrungen, Beweggründe der anderen, die diesen Weg so interessant machen? Ja! Beides! Die Unterhaltungen aber auch die Zeit mit sich selbst. Jeden Tag konnte ich aufs Neue wählen wie ich laufe - alleine oder in Begleitung.

Es war eine landschaftlich faszinierende und abwechslungsreiche Strecke. Immer wieder kleine Dörfern und geöffnete Bars und endlich ein kleiner Supermarkt um Proviant zu kaufen. Zwischendurch machte mir mein schmerzendes Schienbein etwas Sorgen. Ich sah Gefahr nicht in Estella anzukommen. Doch ich schaffte es und war stolz auf mich.

Tag 6: 2. Oktober 2020, von Estella nach Torres del Rio, 19,75 km, 5:41h

Es regnete und war kalt an diesem Morgen, dennoch zog ich meine kurze Hose an, anstatt unter der Regenhose zu schwitzen. Am Ortsrand von Estella war das Weingut Bodegas Irache mit einem nennenswerten Brunnen. Aus zwei kleinen Hähnen durfte ich Wasser und Wein zapfen. Ich hatte nur leider Pech, dass er erst um 10 Uhr öffnete. Evtl. war das aber auch besser für mein Vorankommen. In Azqueta pausierte ich in einer entzückenden Unterkunft, geführt von Helena, die Kaffee und Kekse auf Spendenbasis anbot. Viele Herbergsinhaber sind sehr unglücklich über die Coronazeit, ihre Existenzen sind gefährdet. Hoffen wir, dass der Camino bald wieder seinen normalen Lauf findet. Ich jedoch war glücklich über die wenigen Mitpilger. Kein Kampf um Bett und Dusche.

Diese Etappe war für das Auge sehr reizvoll, ich hatte viele Fotomotive und stoppte daher öfters. Mir ging es sehr gut an diesem Tag und ich war überglücklich über meine getroffenen Entscheidungen, die bereits im Frühjahr ihren Weg nahmen.

In Torres del Rio gab es die sehenswerte achteckige Iglesia del Santo Seprulco aus dem 12. Jahrhundert, die wir abends noch besuchen durfen.


Tag 7: 3. Oktober 2020, von Torres del Rio nach Logroño - 19,75 km, 4,03 km

Ich habe doch tatsächlich verschlafen. Als ich kurz nach 8 Uhr aufwachte war der Schlafsaal leer. Na bravo. Warum hat mich denn niemand geweckt? In Eileswinde sprang ich aus dem Bett und ging raus auf den Camino. Der Sturm peitschte mir den Regen um die Ohren. Die beste Methode um wach zu blieben und aufmerksam zu sein. Der Weg verlief abwechslungsreich auf kleinen, kurvenreichen Pfaden auf und ab.

Zwischen Viana und Logroño begegnete mir endlich die Sonne und Russell, the guitarman. Er läuft Seite mindestens anderthalb Jahren mit seiner Gitarre auf dem Camino hin und her und spielt Klassiker von The Stones und The Beatles. Logroño ist die Hauptstadt der Provinz La Rioja. Den Rioja wird es in der kommenden Woche sicher öfters geben, denn zum täglichen Pilgermenü gab es ohne zu fragen auch Wein.

Abends nach meiner Einrichtung in der städtischen Herberge besorgte ich mir mein Abendessen (Salat, Chirozo, Käse, Chips, Schokolade :-) im Supermarkt und nahm es im Park zu mir. Nach Einbruch der Dunkelheit kam La Vida in die Gassen. Typisch Südeuropa. Das Leben spielt sich auf der Straße ab. Bevor um 22 Uhr die Herberge schloss traf ich noch auf ein paar Pilgerkollegen mit Rioja.












44 Ansichten

© 2017 Jacqueline Kolesch